Der Herr der Dunkelheit

Buch: Der Herr der Dunkelheit
"Je näher Amra dem Schiff kam, desto größer wirkte es. Es hob und senkte sich im flirrenden Licht, weiße Vögel lösten sich von der Takelung und segelten über die Klippen hinweg. Wellen klatschen gegen den Fels und gurgelten in tiefen Spalten. Salz bedeckte Amras Hände, als sie endlich auf die Kiesel der Bucht trat und auf das Schiff zuging. Nun erkannte sie, dass die Figuren an der Bordwand Tiere darstellten - große Barsche und Seevögel mit ausgebreiteten Schwingen. Mit aufgerissenen Mäulern und Schnäbeln drangen sie aus dem Rumpf hervor. Das Licht wurde so grell von dem Schiffsleib zurück geworfen, dass es in den Augen schmerzte. "
Hardcover, 448 Seiten; erschienen März 2007 im Piper Verlag ; 19,90 Euro

Auch der zweite Teil von Heide Solveig Göttners Zyklus Die Insel der Stürme liegt als solides, gebundenes Buch vor das man gern zur Hand nimmt. Zur Karte von E.Ringier gesellt sich ein 15-seitiges Glossar, das die Orientierung erleichtert. Das stimmungsvolle Cover bleibt erneut ohne rechten Bezug zur Handlung; Ärgerlich ist, das sich der Klappentext gleich mehrere inhaltliche Fehler leistet.

Worum es geht

Im "Herr der Dunkelheit" betreten wir aufs Neue die mediterran anmutende Insel der Stürme. Die Geschichte folgt dem Schicksal von Lillia, dem verlorenen Kind. In diesem kleinen Mädchen ruht laut einer uralten Prophezeiung das Schicksal der ganzen Insel. Viele versuchen sie für ihre Zwecke einzusetzen, das wilde Ziegenvolk der Nraurn ebenso wie der dunkle Gott Antiles.

Beschützt wird Lillia von ihren drei Begleitern: Amra, die schöne Priesterin des Totengottes und Gorun der Speerkämpfer sind Flüchtlinge aus dem zerstörten Caláxi. Zu ihnen gesellt sich Jemren, ein Blindschütze aus der nördlichen Stadt Tegaréssos.

Nur knapp der grausamen Nraurn-Feldherrin Quinda-Nar entkommen finden sie sich zu Beginn der Geschichte im Norden der Insel wieder. Hier gelten Amra und Gorun als Feinde aus dem verhassten Süden und auch Jemren begegnen die Menschen mit Mißtrauen, da er seine Heimat für Lillia im Stich gelassen hat.

Erneut müssen sie fliehen; verfolgt von der Schützenkönigin Nret werden sie schließlich in Tegaréssos, wo sie eine furchtbare Entdeckung machen, gestellt. Als Lillia auf einem magischen Schiff aus Salz und Schaum entführt wird riskiert ausgerechnet Gorun, der am meisten an ihr zweifelt, sein Leben um ihr zu folgen.

Während er nach einem Weg sucht Lillia zu retten wird Jemren von Nret gezwungen ihr den geheimen Weg durch die Lavaglut der Scyé zu zeigen, die Norden und Süden trennt. Von Neid und Hass zerfressen will sie den Langen Krieg gegen die Städte des Südens neu entfachen.

Dazu ist sie ein unheilvolles Bündnis mit ihrem Todfeind eingegangen, der Nraurn-Königin Kajlyn-Gua. Nach dem Tod ihrer Schwester Quinda-Nar will diese die verhassten Menschen nun endgültig von der Insel tilgen.

Bei Defágos, der ältesten und mächtigsten Stadt des Süden gipfelt die Handlung in einer erbitterten Schlacht epischen Ausmaßes.

Auf der Homepage der Autorin gibt es eine Leseprobe

Der Fantasybote meint

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Der erste Teil des Buches beschreibt die Wege der Helden vom rauhen und unwirtlichen Norden zurück in den vom Krieg zerrissenen Süden.

Nach 140 Seiten wird die Geschichte mit der Entführung von Lillia in zwei Handlungsstränge aufgetrennt, zum Beginn des zweiten Teils werden sie wieder zusammen geführt. Dieser Teil spielt ausschließlich in Defágos.

Heide Solveig Göttner baut ihre außergewöhnliche Welt konsequent und stimmig weiter aus. Immer tiefere Einblicke in die faszinierenden Geheimnisse der Insel ziehen den Leser unabwendbar in die Geschichte hinein. Das Übernatürliche nimmt jetzt einen größeren Raum ein, wobei der Anklang des Geheimnisvollen und Wunderbaren stets erhalten bleibt.

Im "Herr der Dunkelheit" geht es es wesentlich aufregender als im ruhigen Vorgänger zur Sache. Allein der Endkampf um Defágos nimmt die letzten 100 Seiten des Buches ein.

Die großen Handlungsbögen des ersten Bandes werden alle aufgelöst; Am Ende sind die Geheimnisse um Lillia, Antiles und die verlorenen Kinder aufgeklärt. Nun bleibt es spannend, worum es in der Fortsetzung gehen wird. Einige Spuren sind natürlich ausgelegt; doch wird es der Autorin gelingen den Spannungsbogen nach diesem dramatischen zweiten Bandes aufrecht zu erhalten?

"Der Herr der Dunkelheit" lebt von den selben Stärken wie der erste Teil: eine elegante und poetische Sprache, ein authentische Weltentwurf und Charaktere mit Tiefe. Stilistisch hat das Buch noch einmal gewonnen, die Geschichte wirkt runder und dichter erzählt.

Besonders gut hat mir der fast schon behutsame Umgang der Autorin mit ihren Charakteren gefallen. Auch ohne sie - wie heute vielfach üblich - exzessiver Gewalt auszusetzen gelingt es ihr ein tiefes Gefühl der Verbundenheit im Leser zu erzeugen.

Bleibt zum Schluss die Frage: was hätte an diesem wunderbaren Buch noch besser sein können?

Während des großen Showdowns wurde ich kurz aus dem Lesefluß gerissen. Die zu Grunde liegende Idee fand ich schwer verständlich, sie hätte im Lauf der Geschichte besser vorbereitet werden können. Auch scheint mir Jemren mit seinen bedrohlichen Fähigkeiten als Blindschütze auf der Flucht nach Defágos doch etwas zu schnell von den Südlichen akzeptiert zu werden.

Aber das sind Kleinigkeiten, die vor dem Gesamteindruck verblassen.

Fazit:

Ich kenne derzeit keine bessere deutsche Fantasy