Die Priesterin der Türme

Buch: Die Priesterin der Türme
"Die Augen des Mädchens waren grünlich und blau, türkisfarben wie der Himmel im Westen, kurz nachdem die Sonne gesunken war. Trotz der heißen Luft kroch Amra die Kälte über die Arme. Ein Verlorenes Kind. Solche Kinder sollten nicht leben, hieß es, und in Caláxi war man stets diesem Rat gefolgt."
Hardcover, 430 Seiten; erschienen März 2006 im Piper Verlag ; 19 Euro

"Die Priesterin der Türme", Heide Solveig Göttner erster Roman, ist der Auftakt zum Zyklus "Die Insel der Stürme". Die Erstausgabe wird im schön gebundenen Hardcover veröffentlicht.

Das ansprechende Titelbild hat wenig erkennbaren Bezug zum Inhalt, was bei einem sonst so sorgfältig gestaltetem Buch verwundert. Dafür findet sich im Vorsatz eine hübsche und orientierungsfördernde Karte, die Lust darauf macht, die noch unbekannten Regionen der Insel zu erkunden.

Worum es geht

Auf der mediterran anmutenden Insel der Stürme liegen die Menschen im ständigen Kampf mit dem wilden Ziegenvolk der Nraurn, die sie einst in die Einöde der Trockenen Hügel vertrieben haben. Unter ihrer grausamen Feldherrin Quinda-Na werden die Angriffe der Nraurn immer gefährlicher.

Vor der Stadt Caláxi wird eine schrecklich verstümmelte Leiche gefunden. Nach den Begräbnisriten trifft Amra, die Priesterin des Totengottes Antiles, auf einen fremdartig gekleideten Mann, Jemren genannt, der aus dem verfeideten Norden der Insel stammt.

Er reist zusammen mit einem kleinen Mädchen namens Lillia. Schockiert stellen die Einwohner von Caláxi fest, das Lillia Augen türkisfarbenen sind. Solche Augen haben nur die "verlorenen Kinder" und es steht geschrieben, das eines von ihnen den Menschen auf der Insel den Untergang bringen wird.

Die Hohepriesterin der Quelle ordnet Lillias Tod an, doch bevor der Befehl ausgeführt werden kann bricht eine Katastrophe über Caláxis herein. Lillia entkommt, zusammen mit Amra, Jemren und Gorun, dem ersten Reiter der Stadt. Ihre Flucht führt sie geradewegs in die Trockenen Hügel, das Heimatland der Nraurn. Zusammen versuchen sie das Geheimnis des Kindes zu lüften und ihre Heimat vor dem Untergang zu retten.

Der Fantasybote meint

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Im Zentrum der Erzählung steht das Schicksal Lillias, dem Verderben bringenden "verlorenen Kind". Die drei Abschnitte des Buches werden aus der Perspektive ihrer Begleiter erzählt: im ersten Teil von Amra, dann von Gorun und zuletzt von Jemren. Dieser Wechsel unterbricht den Lesefluss etwas, zumal die neue Erzählperspektive mit viel innerem Monolog eingeführt wird.

Die Grundstimmung des Buches ist ruhig. Gelegentliche Actionszenen lockern den Rhythmus auf, aber die Geschichte entfaltet sich ganz im Zusammenspiel der konfliktbeladenen und sehr menschlich dargestellten Charaktere.

Die schöne Amra aus der mächtigen Familie Sa Kedra hat ihre gesellschaftliche Stellung aufgegeben um dem Gott des Todes zu dienen und lebt nun als Unberührbare am Rande der Gesellschaft. Gorun quält sich nach dem Tod seines Bruders mit Selbstvorwürfen und fürchtet seiner Aufgabe, den Schutz der Stadt, nicht gerecht zu werden. Darüber ist er von tiefem Mißtrauen gegen Jemren erfüllt. Dieser hat wiederum sein ganzes Leben dafür aufgegeben ein fremdes Kind zu beschützen und wider alle Vernunft in die gefährlichste Region der Insel zu begleiten.

Die Welt ist sehr sorgfältig ausgearbeitet. Die Details passen zusammen und erzeugen ein stimmiges und reiches Bild. Hier hat die Autorin ein ausdrückliches Lob verdient.

Das Übernatürliche ist ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Alles ist von einer mystischen Energie, dem "Taú" erfüllt. Es ist die Lebenskraft der Menschen, aber auch Orte oder Städte haben ein "Taú", das ihre Qualität ausdrückt. Taú-Begabte wie Amra oder Gorun können mit dieser Kraft in die Seelen anderer Menschen blicken.

Antiles, Amras schwarzer Gott, nimmt als der gierige Verschlinger allen Lebens auf sehr reale Weise Einfluß auf die Handlung. Amra hält ihn von den Lebenden fern; sie allein darf Tote ansehen oder berühren. Im Gegenzug ist den Anderen der Kontakt mit ihr verboten, damit der Tod nicht auf sie übergreifen kann.

Die Reise der Helden gipfelt in einem dramatischen und spannenden Höhepunkt. Danach findet die Geschichte aber keinen rechten Abschluss; es folgen einige Seiten die wie ein Vorwort für den nächsten Band wirken. Den hat man also am Besten gleich zur Hand, um weiter lesen zu können - denn das weiter lesen lohnt sich.

Neben den komplexen Charakteren und der hervorragend ausgearbeiteten Welt begeistert das Buch durch sein hohes sprachliches Niveau. Die elegante, fließende Sprache ist ein wahrer Genuss und sie trifft genau den richtigen Ton um die archaische Welt der Insel zum Leben zu erwecken.

"Die Priesterin der Türme" ist Fantasy mit (erzählerischer) Tiefe. Was die Helden in erster Linie bekämpfen müssen ist die Dunkelheit in sich selbst: Machtgier, Vorurteile und falscher Stolz.

Heide Solveig Göttner zeigt hier eindrucksvoll, das auch in Deutschland Fantasy auf hohem Niveau möglich ist.

Fazit:

Eine echte Empfehlung für alle Freunde anspruchsvoller Fantasy.