Die Tochter der Schlange

Buch: Die Tochter der Schlange
"Kaskaden von gleißendem Licht stürzten an ihr vorbei. Sie wirbelte auf einen schwarzen Punkt zu, in einem Trichter, dessen Wände aus funkelndem Regenbogen bestanden. Dann stieß sie durch ein zarte Membran wie durch die Haut einer Seifenblase. Dunkelheit umfing sie. Schwerelos schwebte sie durch das Nichts, bis ihr Körper auf etwas Hartes prallte. Der Schmerz nahm ihr den Atem und zog sie hinab in das Vergessen."
Gebunden, 348 Seiten; erschienen Januar 2006 im Ueberreuter Verlag ; 16,95 Euro

Evelyne Okonnek legt hier ihrer Debüt vor, mit dem sie den Wolfgang-Hohlbein-Preis 2006 gewinnen konnte. Der Roman ist in sich abgeschlossen.

Worum es geht

Im Lande Lehanâr regieren seit einem verheerenden Krieg die Frauen, weil die Menschen davon ausgehen, dass sie das Leben mehr achten als die Männer.

Die junge Lhîahnee ist auserwählt, ihrer Mutter nach zu folgen und als Hüterin über Lehanâr zu herrschen. Seitdem ihre Eltern vor einigen Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, bereitet sie sich auf diese Rolle vor, unterstützt von ihrem Bruder Minohem, den sie abgöttsich liebt.

Die Hüterin bedarf magischer Kräfte, Lhîanee aber kann an sich keinerlei magische Begabung feststellen. Minohem hingegen ist ein sehr fähiger Magier und so springt er heimlich ein, wenn Lhîanee ihre Kräfte vorführen soll.

Das Buch beginnt am Vortag der großen Zeremonie mit der Lhîanee offiziell zur Hüterin eingesetzt werden soll. Sie hat furchtbare Angst davor, denn während der Zeremonie muss sie die Große Weiße Schlange magisch bezwingen. Auf dem Höhepunkt des Rituals setzt Minohem heimlich seine Macht gegen die Schlange ein, doch selbst er ist nicht stark genug. In höchster Not bricht Lhîanees eigene Magie hervor und sie überwindet die Schlange ohne sich dessen bewußt zu sein aus eigener Kraft. Sie ist überzeugt, das Minohem sie wieder einmal gerettet hat. Minohem - von Neid auf seine Schwester und seinem eigenen Ehrgeiz besessen - setzt sich daraufhin ab um in einem abgelegenen, dunklen Turm über halbzerfallen Zauberbüchern zu brüten.

Bald darauf suchen grausame Plagen das Land heim. Menschen verschwinden spurlos, Feuer speiende Drachen und blutdürstige, riesige Wölfe fallen in das ländliche Idyll Lehanars ein. Verzweifelt wendet sich Lhîanee an ihren Bruder um Hilfe. Und wirklich gelingt es Minohem die Angreifer mit seiner Magie in ein fremdartiges Land zu verbannen. Doch er verfolgt damit ganz eigene Ziele.

Der Fantasybote meint

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Auf der Homepage der Autorin wird das Buch als "Ein Fantasy-Abenteuer für Jugendliche und junge Erwachsene" charakteresiert. Das trifft den Inhalt sehr gut. Wer unter dem Verlagslabel "Meister der Fantasy" etwas im Stile von S.Erikson oder G.R.R.Martin erwartet wird eine Weile brauchen um sich mit dem Stil und den Personen der Geschichte anzufreunden.

Wer mit hübschen, naiven Mädchen mit bebender Unterlippe und wässrigen Augen die zu Schuldgefühlen und Schluchzern neigen nichts anzufangen weiß hat einige harte Buchseiten vor sich, bis Lhîanee anfängt sich zusammen zu reißen. Anfangs traut sie sich selbst gar nichts zu und entzieht sich ihren Pflichten als Hüterin, sobald sie ihr unangenehm werden. Dennoch scheint diese Naivität bei einem knapp 15jährigen Mädchen schon realistisch.

Wer sich auf die Geschichte einläßt wird aber schnell von Lhîanees Charme und Natürlichkeit gefangen sein. Ihre inneren Konflikte und Zweifel werden sehr lebhaft und plastisch geschildert.

Überhaupt gelingt es der Autorin mit ihrer farbenfrohen und frischen Erzählweise den Leser trotzt der in manchen Teilen etwas vorhersehbaren Handlung durchaus zu fesseln. Es mangelt weder an dramatischen Liebesgeschichten noch an tragischen Schicksalsschlägen. Man möchte das Buch am liebsten in einem Rutsch durchlesen, was aufgrund der überschaubaren Seitenzahl von 350 auch gut möglich ist.

"Die Tochter der Schlange" ist in drei Teile gegliedert. Der erste und der letzte Teil ("Der Rabenprinz" und "Der Rübenkönig" betitelt) spielen im hellen Land von Lahanâr, während der mittlere ("Der Winterkrieger") im Zwielichtland Durrahnoc angesiedelt ist. Der Wechsel zwischen den beiden Welten, der Hellen und der Dunklen, ist der Autorin sehr gut gelungen und trägt einen großen Teil zum Reiz der Geschichte bei.

In Durrahnoc muss sich Lhîanee in einer bedrohlichen und fremdartigen Umwelt behaupten. Dabei steht ihr eine Gruppe sympathischer Nebencharaktere zu Seite; Larrec der Jäger, seine heimliche Liebe Treac, die für Lhîanee zur guten Freundin wird und schließlich Garron, der "Winterkrieger" in Person.

Langsam beginnt Lhîanee zu erkennen das sie stark genug ist um für sich selbst einzustehen. Und schließlich wird ihr klar, das sie sich ihrer Verantwortung als Hüterin von Lehanâr nicht entziehen kann.

Der mittlere Teil hat bei mir den Stärksten Eindruck hinterlassen; im dritten Teil wird die Handlung doch etwas vorhersehbar. Die Schilderung des Widersachers hat mich nicht völlig überzeugt. Zu Beginn wird eine glaubhafte Motivation aufgebaut, doch im Fortlauf der Geschichte gleitet diese immer weiter in eine klischeehafte Bösartigkeit ab. Spätestens wenn der Bösewicht aus Lust am Bösen sich selbst zu schaden beginnt, wirkt die Schilderung nicht mehr glaubhaft. Auch das sich die magischen Kräfte Lhîanees im wesentlichen auf einen Abwehrzauber beschränken wirkt wenig überzeugend.

Trotz dieser kleinen Schwächen zieht die Geschichte den Leser schnell in ihren Bann. Der Autorin ist mit der "Tochter der Schlange" ein lesenswertes Debüt gelungen.

Fazit:

Ein farbenfrohes Fantasyabenteuer für junge Leser.